Auf der Erfolgswelle

Was ist der Unterschied zwischen Segeln und Fußball? Im Segeln ist Hamburg zum zweiten Mal in Folge Deutscher Meister geworden. Während die Kicker des HSV in der Vorsaison nur mit Glück durch die Relegation den Abstieg verhinderten und bereits wieder um den Klassenerhalt kämpfen, dominiert der Norddeutsche Regatta Verein (NRV) die Konkurrenz in der Segel-Bundesliga.


Was ist der Unterschied zwischen Segeln und Fußball? Im Segeln ist Hamburg zum zweiten Mal in Folge Deutscher Meister geworden. Während die Kicker des HSV in der Vorsaison nur mit Glück durch die Relegation den Abstieg verhinderten und bereits wieder um den Klassenerhalt kämpfen, dominiert der Norddeutsche Regatta Verein (NRV) die Konkurrenz in der Segel-Bundesliga.

Drei von sechs Spieltagen hat er gewonnen und blieb durch weitere Podiumsplätze vor den Verfolgern vom Deutschen Touring Yacht-Club (DTYC) und vom Verein Seglerhaus am Wannsee (VSaW) aus Berlin durchgehend an der Spitze eines Regattaformats, das schon in der zweiten Saison die kühnsten Erwartungen übertrifft. Manchen Unkenrufen und allen Skeptikern zum Trotz: die Segel-Bundesliga fliegt!

Seit die Hamburger Kon zeptwerft vorige Saison eine Idee in die Tat umgesetzt hat, die wahrscheinlich mehrere Urväter hat, gerät der Segelsport in Deutschland ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit als je zuvor. Grund: der Lokalkolorit in Form der Identifikation mit dem „eigenen“ teilnehmenden Verein. Vor allem die regionale Tagespresse begleitet das Auftreten der 18 Erstligisten sowie seit 2014 der weiteren 18 Clubs in der 2. Bundesliga oft mit halb oder ganzseitigen Reportagen sowie zahlreichen Meldungen.        

In der abgelaufenen Saison verzeichneten die Organisatoren eine Reichweite von 346 Millionen Kontakten bei einem Anzeigenäquivalenzwert von rund zwölf Millionen Euro. Damit wurde das Ziel von zehn Millionen Euro deutlich übertroffen. Rauschendes Wasser auf die Mühlen von Liga-Geschäftsführer Oliver Schwall, der den Riesenerfolg genießt, aber als Vermarkter erst am Anfang seiner Vorstellungen steht. Die Sponsorensuche für 2015 ist in einer fortgeschrittenen Phase. Er hat sieben Erstliga- und fünf Zweitliga-Events plus Qualifikation und Relegation zu bieten. Durch die Einbindung in Großveranstaltungen wie die Warnemünder und Travemünder Woche sowie in die Messen interboot und hanseboot ist eine hohe Aufmerksamkeit garantiert.

„Die Euphorie ist schon gigantisch“, so Schwall, „innerhalb kürzester Zeit wird die Bundesliga von einer Welle der Begeisterung getragen.“ Als wichtigste Faktoren nennt der ehemalige Tornadoweltmeister sowohl die Segler selbst als auch die Vereine. „Die Aktiven lieben viele, kurze Rennen mit einer hohen Frequenz“, erklärt der Steuermann, der selbst noch nega tive Erinnerungen an die endlosen Wettfahrten in den 90er Jahren hat. Das war langatmig und interes sierte schon gar keinen Zuschauer.

Heute aber sitzen mindestens die Clubkameraden und eine erkleckliche Schar von Fans entweder vor der Großbildleinwand im Hafen oder Zuhause vor den Computermonitoren und verfolgen die Live-Übertragungen der Renntage. Von den Zahlen der fußballverrückten Gemeinde des Weltmeisters träumt der weiße Sport zwar nur, aber schon die Hälfte der fastdrei Millionen Segler in Deutschland kenne ihre Bundesliga, schätzt Oliver Schwall.

Bei der Vermarktung setzt der Hamburger vor allem auf das saubere Werbeumfeld und die hochattraktive Zielgruppe des Segelsports. Das hochgesteckte Ziel sind ein Premiumpartner mit Namensrechten sowie sechs Top-Partner darunter, für die
plakative Flächen auf den Segeln und Booten sowie der Kleidung der Protagonisten und natürlich rund um die Regattabahn zur Verfügung stehen. Ausrüster und Unterstützer einzelner Events wird es weiterhin geben.

Aus dem Sailing Team Germany, der Segelnationalmannschaft, haben Schwall und der zweite Geschäftsführer Arne Dost Audi und SAP als Fahrzeug- und Technologie-Partner gewonnen; zwei Unternehmen, die nicht nur über die Kieler Woche, sondern durch viele weitere Regatten längst im Segelsport zuhause sind. Sie helfen vor allem bei der fernsehgerechten Medialisierung (SAP) und durch ihre gewachsenen Partnerschaften in den Vereinen (Audi) für einen von Beginn an professionellen Auftritt der Segel-Bundesliga. Für die norddeutschen Events holte die Konzeptwerft sogar 2014 schon den Energiekonzern Vattenfall als Top-Partner mit ins Boot. „Wir haben noch nicht alle Verträge unterschrieben, aber bereits mit allen bestehenden Partnern nicht nur verlängert, sondern neue Pakete geschnürt und dürften 2015 mit der Segel-Bundesliga erstmal den Break-even erreichen“, so Schwall Anfang Dezember.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor des Formats Bundesliga sind aber auch die zum Einsatz kommenden, vollkommen einheitlichen Boote. Die 1. Liga segelt auf knapp sieben Meter langen J/70 von J Boats aus den USA, die in Deutschland von der Mittelmann’s Werft aus Kappeln an der Schlei importiert und an sechs Spieltagen startklar bereitgestellt werden. In der 2. Liga sind es die ähnlich großen B/one von Bavaria Yachtbau aus Giebelstadt. Beide Schiffe werden von den Aktiven als handlich und sportlich geschätzt. Sowohl passionierte Dickschiff- als auch Jollensegler haben ihren Spaß an Bord.

Sieben Exemplare der J/70 samt Auf- und Abbau sowie Wartung und Logistik drum herum kommen von Mittelmann’s Werft zu jedem Bundesligaspieltag und werden vor Ort betreut. Nach der Saison gebraucht günstig angeboten, finden die Boote schnell ihre Abnehmer. Doch so lange wollen die meisten Vereine gar nicht warten. 2014 wurden mehr als 65 Stück aus Kappeln verkauft. Eine Anzahl, die ohne die Bundesliga undenkbar gewesen wäre, bestätigt Bo Teichmann von der Werft, „zwölf der 18 Vereine haben schon ein oder mehrere eigene Boote.“

Größter Liga-Kunde war bislang der VSaW, der vier J/70 bestellte, und damit nicht nur seiner Bundesligamannschaft ein Trainingsgerät verschaffte. Weil es am Wannsee gar nicht ausreichend Liegeplätze, aber schon genügend „Steghüter“ gibt, ins tallierte der Club ein Online-Orderportal, über das eine J/70 von jedem Mitglied für unter 100 Euro Tagescharter gebucht werden kann. So müssen Gelegenheitssegler nicht gleich 40.000 Euro (segelfertig mit Trailer) berappen, sondern können sich über Schnuppertörns an ihr eigenes Wunschboot herantasten. Teichmann: „40 Prozent der verkauften Boote werden nach Feierabend gesegelt.“

Wie viele Freizeitkapitäne über die Bundesliga auf den Bootstyp aufmerksam geworden sind, ist schwierig zu messen. Aber Trainingsgemeinschaften verschiedener Clubs am Bodensee, bewegungshungrige Zaungäste im Bayerischen Yacht-Club, der drei J/70 orderte, und eben jene Identifikation mit den Local Heroes in den Vereinsfarben zeugen schon von einer kleinen Injektion Lebenselixier für die Branche.

Auch Bavaria sieht die Vereine bei der Förderung des Segelsports als wichtigsten Faktor. Ihnen solle mit der B/one, die rund 30.000 Euro kostet, ein sportliches, leicht zu bedienendes Sieben-Meter-Schiff zu einem hochattraktiven Preis zur Verfügung gestellt werden. Zusammen mit den Konstrukteuren von Farr Yacht Design und Zulieferern wie Harken wurde investiert. „Das ist uns eine Herzensangelegenheit, auch um den Nachwuchs zu fördern“, erklärt Marketingchef Daniel Kohl, „und wird sich auszahlen. Auch über die Bundesliga führen wir unsere Kunden von morgen sehr früh an die Marke Bavaria heran.“

Auch im bayerischen Planegg bei Marinepool wird die Segel-Bundesliga als „die positivste Entwicklung der Szene und Branche in Deutschland seit langem“ eingestuft, so Marketingleiter Christoph Stadler. Die Firma beobachtete zunächst die Premiere 2013 und stieg erst im zweiten Jahr ein. Sie rüstet die Organisationsteams vor Ort mit Funktionsbekleidung aus und hat über die Partnerschaften von Audi zu zwölf Bundesligisten, die alle in Marinepool segeln, bereits ein Return on Investment.

Nun werden vermutlich auf Jahre hin noch deutlich mehr HSV-Shirts als NRV-Polos verkauft, doch Stadler sieht auch im Merchandising der Segel-Bundesliga ein großes Potential. Sobald die Lizenzrechte mit allen Beteiligten geklärt seien und die
Vereine „möglichst klar unterscheidbare Kollektionen bevorzugen“, könnte der Fan-Dress bereits 2015 zum Verkaufsschlager werden. Als Bekleidungspartner der weltweiten Extreme Sailing Series, der „einzigen international wirtschaftlich sinnvollen Grand-Prix-Serie“ (Stadler), hat Marinepool bereits gute Erfahrungen gesammelt.

Bundesliga-Vermarkter Schwall sieht diese Potentiale genauso und gibt den Unternehmen Entscheidungshilfen an die Hand. Er bietet großen Sponsoren am Tag vor jedem Bundesligaspieltag einen Business Cup auf den Regattabooten an, in dem Top-Kunden oder das Management der Partner mit Liga-Seglern an Bord selbst in See stechen können, um sie hautnah zu involvieren und die Faszination des Segelsports spürbar zu machen. So soll sich ein Sponsor belohnen und sich sein Engagement lohnen.

Obwohl der legendäre New York Yacht Club mit seiner Invitational-Regatta schon seit Jahrzehnten Vereine gegeneinander segeln lässt, hat das Modell Bundesliga auch die US-Segelgemeinde hellhörig gemacht. Eine Premier League mit elf Events als lokale Qualifikationsregatten und einem Finale im kalifornischen San Diego nach Vorbild vom Eishockey und Baseball ist in Vorbereitung. An den dänischen Segelverband, der seine nationale Liga selbst ausrichtet, hat Mittelmann’s Werft als Generalimporteur bereits sieben J/70 verkauft.

„Die Blaupausen für deren Liga kommen von uns“, sagt Oliver Schwall, „als reine Nachbarschaftshilfe“, daran habe die Konzeptwerft nichts verdient. Anfragen und Interesse aus Schweden, Österreich, der Schweiz, Tschechien und Russland sowie sogar aus dem Mutterland des Segelsports, aus Großbritannien, liegen vor. Zumeist würden die Checklisten für ein Event „gegen eine kleine Aufwands-entschädigung“ zugeschickt.

Denn Schwall denkt längst weiter. Mitte Oktober stieg in Kopenhagen mit großem Erfolg die Premiere der SAILING Champions League (SCL), für die ebenfalls die Konzeptwerft verantwortlich zeich net. 23 Vereine aus 14 Nationen segelten Europas Besten aus, darunter so renommierte Vereine wie der Yacht Club Costa Smeralda und Top-Vereine von Gran Canaria bis nach St. Petersburg. Es siegten die Gastgeber vom Königlichen Dänischen Yachtclub. Der Deutsche Meis ter NRV wurde Fünfter. Die Premiere stand bereits unter der Schirmherrschaft des europäischen Segelverbands EUROSAF.

Die Pläne für die zweite Saison sind zwar noch nicht festgezurrt, aber es könnte zwei, höchstens drei SCL-Events geben. Konkrete Bewerbungen zur Ausrichtung liegen aus Großbritannien und Italien vor, Deutschland ist noch in Vorbereitungen. Zunächst dürfte ein internationales Komitee zur Steuerung der Liga eingesetzt werden. Damit ist die vielfach zuvor von und für andere Veranstaltungen strapazierte Phrase der Champions League des Segelsports nun Wirklichkeit.

Wäre bloß auch in Deutschland das zähe Tauziehen aus 2013 mit dem Deutschen
Segler-Verband (DSV) um Rechte und Rechthaben vergessen. Nach langen Verhandlungen stehen die Strukturen mit der Deutschen Segel-Liga e. V. (DSL) und einem Vorstand, in dem drei Vereinsvertreter die Mehrheit haben und die wesentlichen Entscheidungen treffen, eigentlich nun fest. Der DSV hat offiziell die Vergabe des Deutschen Meistertitels genehmigt, was eine weitere mediale Aufwertung bedeutete.Doch unter der Oberfläche gärt es bereits wieder oder immer noch. Die Begehrlichkeiten an dem Erfolgsmodell lassen anscheinend keine wirkliche Ruhe zu.

Ungeachtet dessen ist der einfache Modus mit Meisterschaft, Auf- und Abstieg sowie einer Relegation zur ersten und zur zweiten Liga einer der größten Trümpfe der Segel-Bundesliga. Der Sieger eines Spielwochenendes erhält 18 Punkte entsprechend der Anzahl der Ligisten, der Zweitplatzierte 17 und so weiter. Alles ist jederzeit klar und übersichtlich in einer Tabelle nachzuvollziehen. Wie im Fußball halt. Nur da ist der Ball rund, und der HSV hat als einziger Bundesliga-Dino seit 50 Jahren noch die gesamte Rückrunde vor sich, um genügend Punkte für den Klassenerhalt zu sammeln. Vielleicht hätte die Truppe um Raphael van der Vaart zum Saisonfinale an der Alster mal Anschauungsunterricht nehmen sollen beim Deutschen Meister NRV.
(Andreas Kling)