Gemeinsame Sache

Im internationalen Bootsmarkt zeichnen sich Kooperationen zwischen den Werften, Zusammenschlüsse in größeren Gruppen und Übernahmen von Werften ab, die letztendlich zu Konzentrationen im Yachtbau führen. Zu den Entwicklungen hat sich die Wassersport-Wirtschaft unter Chefs und Sprechern der führenden Gruppen umgehört. Hans Wischer sprach mit: Lutz Henkel, Hervé Gastinel, Huw Bower, Rudolf Berglehner, Dr. Jens Gerhardt..

Im Internationalen Bootsmarkt zeichnen sich Kooperationen zwischen den Werften, Zusammenschlüsse in größeren Gruppen und Übernahmen von Werften ab, die letztendlich zu Konzentrationen im Yachtbau führen. Zu den Entwicklungen hat sich die Wassersport-Wirtschaft unter Chefs und Sprechnern der führenden Gruppen umgehört. Hans Wisher Sprach mit Lutz Henkel, Hervé Gastinel, Huw Bower, Rudolf Berglehner und Dr. Jens Gerhardt.

Gobalisierung ist ein Begleiter der heutigen Zeit, Konzentration ein anderer. Beiden Phänomenen begegnen wir zunehmend in unserem täglichen Leben. Zum Beispiel beim Einkauf. Supermärkte von Handelsketten haben schon längst die Tante-Emma-Läden der Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts abgelöst. Auch das Warensortiment stammt von wenigen Anbietern, die wie beispielsweise Nestlé oder Unilever global agieren. In Sachen Bekleidung sieht es nicht viel anders aus: C&A, Peek & Cloppenburg oder H&M findet man in nahezu jeder größeren Stadt. In der Automobilindustrie geben einige Wenige den Ton an, so beispielsweise der Volkswagen-Konzern mit seinen Marken VW, Audi, Porsche, SEAT und Skoda. Derartige Beispiele lassen sich in nahezu allen Branchen benennen. So auch bei den großen Berufsschifffahrtswerften, die sich entweder zusammengeschlossen haben, von einem Marktführer aufgekauft wurden oder nicht mehr existieren.

Yachtwerften sind von derartigen Konzentrationsprozessen noch weniger betroffen, wobei die Betonung auf noch liegt. In den vergangenen Jahren entstanden auch hier schon größere Gruppen, wobei die Markennamen ehemals selbstständiger Werften größtenteils erhalten blieben und man deshalb die Konzentration in diesem Bereich vielleicht nicht auf den ersten Blick wahrnimmt. Eine der beiden größten Gruppen ist die Brunswick Boat Group mit 15 Motorboot-Marken – wobei zum Mutterkonzern auch noch der Motorenhersteller Mercury Marine gehört. Die andere Gruppe ist die privat geführte Groupe Bénéteau, unter deren Dach derzeit zehn Marken mit Motor- und Segelyachten, Katamaranen und Superyachten zusam- mengefasst sind. Bavaria Yachts aus Deutschland, die vor zwei Jahren die französische Katamar- anwerft Nautitech über- nommen hat, bietet Motor- und Segelyachten sowie Katamarane einheitlich unter dem Namen Bavaria an. Die italienische FIPA hingegen setzt auf die Eigennamen ihrer ehemals eigenständigen Werften Maiora, AB Yachts und CBI Navi. Ebenso ist es bei Hanse (Deutschland) mit den Marken Hanse, Dehler, Moody, Varianta, Fjord und Sealine. Diese Auflistung ist nicht vollständig, sie ließe sich beispielsweise durch Gruppen wie Nimbus (Schweden), Ferretti und Azimut-Benetti (beide Italien), Lürssen (Deutschland) und Nautical Global Group-Bennington (USA) fortsetzen. Man sieht: Die Entwicklung hin zu großen Gruppen ist bereits in vollem Gange. Dabei nicht berücksichtigt sind übrigens Werften, die von anderen großen Konzernen mit Geschäftsschwerpunkten außerhalb der Yachtindustrie aufgekauft worden sind.

Dass dieser Konzentrationsprozess auch von den Käufern wahrgenommen wird, zeigte sich jetzt deutlich auf der Boots- ausstellung in Cannes mit ihrem internationalen Angebot. Auf den Booten der großen Gruppen sah man deutlich mehr Interessenten, als auf denen der kleineren Werften. Von einigen, deren Boote man als Nischenprodukte bezeichnen kann, einmal abgesehen. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein, sicherlich spielt dabei aber auch das Vertrauen in große Unternehmen eine Rolle. Größe demonstrierte die Groupe Bénéteau in Cannes mit der Präsentation von 76 Booten – fast zwölf Prozent des gesamten Ausstellungsangebotes – und 47 Booten zwei Wochen später auf der Schau in Genua.

 

Bootsmarken-Vielfalt

Wassersport-Wirtschaft: Wie viele Bootsmarken zählen derzeit zu Ihrer Gruppe? Wie viele Bootsmakrne betrachtenSie als ideal für Ihre Gruppe? Betrachten Sie es als erstrebenswert, die Markenvielfalt zu steigern?

Lutz Henkel, Bavaria Yachts: Bavaria Yachts ist die Dachmarke für alle Yachten von Bavaria. Durch die neue Nomenkla- tur – z.B. Bavaria E40 – ist die Marke Bavaria sogar noch präsenter. Eine Mehrmarken-Strategie zu fahren, ist nicht unser Ziel.

Hervé Gastinel, Groupe Bénéteau: Aktuell operieren zehn Marken in der Groupe Bénéteau: Bénéteau, Jeanneau, Prestige, Lagoon, CNB Yacht Builders, Monte Carlo Yachts, Four Winns, Glastron, Wellcraft and Scarab. Diese zehn Marken unterstehen vier internationalen Geschäftsbereichen:

– Bénéteau und die Marken Four Winns und Scarab
– Jeanneau und die Marken Prestige, Glastron und Wellcraft – CNB und Lagoon
– Monte Carlo Yachts

Derzeit ist die Groupe Bénéteau die einzige Gruppe mit einer derart umfassenden Marken- und Modellvielfalt.

Huw Bower, Brunswick Boat Group: Wir sind Teil der Brunswick Corporation, einem führenden Hersteller von Freizeit- produkten im maritimen und im Fitnessbereich. Die Brunswick Boat Group ist einer der größten Hersteller von Sportbooten in der Welt, mit 15 Marken. Dazu gehören Bayliner, Boston Whaler, Crestliner, Cypress Cay, Harris, Lowe, Lund, Meri- dian, Princecraft, Quicksilver, Rayglass, Sea Ray, Thunder Jet und Uttern. Brunswick Commercial and Government Pro- ducts ist eine Marke für das Militär, Strafverfolgungbehörden, Feuerwehren/Rettungsorganisationen und Arbeitsboote. Obwohl Brunswick in erster Linie auf Akquisitionen für maritimes Zubehör und Fitness fokussiert ist, hat man auch ein Auge für außergewöhnliche Perspektiven, die unsere Gesellschaft stärken und unseren Aktionären dienen. Zum Beispiel haben wir kürzlich Thunder Jet Boats in unser Portfolio eingefügt, um uns in Nordamerika im Markt für dickwandige Aluminium-Boote zu positionieren.

Rudolf Berglehner, FIPA: Zur FIPA gehören die drei Marken Maiora, AB Yachts und CBI Navi. Aktuell arbeiten wir an zwei weiteren Modellen/Marken.

Dr. Jens Gerhardt, Hanse Group: Zur unserer Gruppe gehören sechs erfolgreiche Marken, die alle eine eigene Käufergruppe ansprechen. Zurzeit sind wir bestrebt, unsere neuen Marken perfekt in die Werft zu integrieren und auszu- bauen. Die Steigerung der Markenvielfalt ist immer interessant, um dem Kunden eine breite Palette von Produkten anbieten zu können. Da die Integration einer neuen Marke jedoch mit einem hohen Investment verbunden ist, werden wir in der nächsten Zeit voraussichtlich keine neue Marke anbieten.

 

Modellvielfalt

Konzentration heißt aber nicht Produktarmut. Wie die Automobilhersteller warten auch die großen Werftengruppen mit zahlreichen Modellen auf. Größtenteils sind die einzelnen Marken zweckspezifisch ausgerichtet, während man bei Bavaria für die unterschiedlichen Typen auf einen einheitlichen Namen setzt. Immerhin: auch bei der Modellvielfalt der großen Gruppen finden sich Boote für den individuellen Zweck und Kundengeschmack. Noch. Inwieweit sich das weiter realisie- ren lässt, insbesondere angesichts der hohen Entwicklungskosten, des Aufwandes für den Formenbau und die Fließband- fertigungen, wird die Zukunft zeigen. Bis jetzt feiern noch deutlich mehr Boote pro Jahr ihre Premiere als beispielsweise Automobile mit deutlich höherer Stückzahlenproduktion.

Wassersportwirtschaft: Wie viele Bootsmodelle umfasst das Angebot Ihrer Gruppe derzeit? Planen Sie, die Anzahl der Modelle in Zukunft zu erhöhen? Bis zu welcher Bootslänge bauen Sie aktuell, und wie wird sich die Größe Ihrer Boote mittelfristig entwickeln?

Lutz Henkel, Bavaria Yachts: Unsere Produktpalette umfasst in den drei Sparten Katamarane, Segel- und Motoryachten 24 Modelle. Bislang bauen wir bis rund 17 Meter Länge.

Hervé Gastinel, Groupe Bénéteau: Derzeit bieten wir bei den zehn Marken über 200 verschiedene Modelle an. In den vergangenen Jahren haben wir jährlich im Schnitt 20 bis 30 neue Mo- delle präsentiert. Unsere größte Motoryacht ist zur- zeit die 32,26 m lange MCY 105, erstmals von Monte Carlo Yachts im Juli 2015 in Venedig vorgestellt. Auf den Plätzen dahinter folgen die MCY 86, 80 und 76. Bei der Marke Prestige Yachts ist die 22,58 m lange Prestige 750 die Größte.
Im Segelyachtbereich waren die Superyacht Hamilton II, ein 35,66 m langer Custom-Bau, und die 23,17 m lange Semi- Custom CNB 76 die Größten, beide von unserer Marke CNB Yachts. Die arbeitet höchstaktuell an einem 90-Fuß-Semi Custom. Im Katamaran- Segment zählen die 19,50 m lange 630 Motor Yacht und die 18,90 m lange 620 Sailing zu den Größten, beide von unserer Marke Lagoon. Mit einer Reihe neuer Katamarane warten wir gerade auf, dem Seventy 7 und Seventy 8. Der Segelkat Seventy 7 feierte seine Premiere auf dem Cannes Yachting Festival im September, das Seventy 8 Modell befindet sich noch in der Entwicklung. Eine der größten Stärken der Groupe Bénéteau ist die gewachsene Modell- vielfalt über die gesamte Bandbreite aller Kategorien mit Booten, auf die man vertrauen kann: vom Einstiegsmodell bis hin ins Luxussegment. Die Marken der Groupe Bénéteau sprechen eine weite Kundschaft an. Das reicht vom 5-m-Boot für 15.000 Euro bis hin zur über 30 m langen Yacht mit einem Preisrahmen von mehr 10 Millionen Euro.

Huw Bower, Brunswick Boat Group: Wir messen unsere Größe nicht nach Anzahl der Modelle, sondern an der Reaktion unserer Kunden, ihren Stimmen und daran, dass wir mit einem permanenten Produkt Line-up sicherstellen, dass wir die strategischen Erfordernisse eines Marktführers erfüllen. Zum Beispiel bei Sea Ray: 2015 betrug das durchschnittliche Mo- dellalter zwei Jahre, 2013 waren es noch viereinhalb. Das spiegelt in der Zeit die dramatische Verjüngung des Sea Ray Portfolios und unsere intensive Arbeit dafür wider. Von Ende 2013 bis zum ersten Quartal 2015 hatte Sea Ray 14 neue Mo- delle eingeführt. Das Ergebnis: 57 Prozent der Einnahmen des Sea Ray Gruppe im Jahr 2015 wurde von den neuen Produk- ten generiert, die Sea Ray seit 2013 eingeführt hat. Für 2016 plant Sea Ray zehn neue Modelle. Bayliner erneuerte sein Angebot im gleichen Zeitraum um sieben Modelle. Dieser schnelle Produktzyklus ist die Norm für die gesamten Brunswick Boat Group. Boston Whaler wird 2016 vier und 2017 drei neue Modelle einführen. Die Freshwater Group stellte zahlreiche neue Modelle vor, 83 Prozent der Verkäufe betrafen Boote, die nach 2013 vorgestellt wurden. Unsere Palette reicht vom 10-Fuß-Motorboot bis hin zur 65-m-Motoryacht.

Rudolf Berglehner, FIPA: Wir bieten derzeit 15 verschiedene Modelle an, für die Zukunft sollen es mehr werden. Hinsichtlich der Größe sehen wir mittelfristig 77 m als mögliche Länge.

Dr. Jens Gerhardt, Hanse Group: Wir bieten derzeit 32 verschiedene Modelle an. Um am Markt mit einer Vielzahl von Produkten aufwarten zu können, wird die Anzahl der Modelle eher steigen. Wir bauen mit der 21,10 m langen Hanse 675 die derzeit größte in Serie gefertigte Segelyacht der Welt. Durch unsere breite Produktpalette können wir Yachten von 29 bis 67 Fuß herstellen. Der Trend bewegt sich allerdings eindeutig hin zu größeren Yachten. Das bedeutet, dass wir in Zukunft nicht ausschließlich, aber vermehrt größere Yachten fertigen werden.

 

Diversifikation

Die großen Gruppen sehen derzeit noch keine Veranlassung, die Modellvielfalt zu reduzieren. Sie wollen auch weiterhin breit aufgestellt sein und haben teilweise sogar Nischenprodukte in ihrem Portfolio. So wie Porsche die sportliche Marke des VW-Konzerns ist, ist es Pershing für die Ferretti-Gruppe. Die Groupe Bénéteau setzt auf die gesamte Bandbreite, vom einfachen Sportboot bis hin zur Luxus- yacht. Dem in der Lebensmittelbranche vergleichbaren Biobauern entsprechen Bavaria Yachts und die Ferretti-Gruppe mit Modellen, die über einen Hybridantrieb verfügen, auch wenn dieses Feld ebenso wie die Produktion von Foiling-Segelbooten derzeit vorwiegend von kleineren Werften besetzt wird.

Wassersport-Wirtschaft: Konzentrieren Sie sich auf eine bestimmte Bootskategorie wie z.B. Verdränger-Motorboote, Gleit-Motorboote, Segelboote, Katamarane, Foiling-Segelboote? Oder halten Sie eine Diversifikation für zukunftsfähiger?

Lutz Henkel, Bavaria Yachts: Mit unserer Produktpalette sind wir breit aufgestellt. Katamarane, Segel- und Motoryach- ten werden von neun bis 17 Meter gebaut. Als Serienhersteller sind bei uns Nischenprodukte aktuell keine Option.

Hervé Gastinel, Groupe Bénéteau: Einzigartig haben wir Modelle in allen Bootskategorien, Längen und Typenklassen – Ein- und Mehrrümpfer, Segel- und Motorboote, für Freizeit, Sport und Luxus. Diversifikation und Innovation waren stets der Schlüssel für unsere Gruppe und werden es auch in Zukunft bleiben. In die Praxis umgesetzt heißt das: Wir entwickeln unsere Boote gleichermaßen in allen Kategorien und Größen.

Huw Bower, Brunswick Boat Group: Wir produzieren Boote aus GFK und Aluminium, vor allem in den Kategorien GFK- Sportboote; Luxusyachten, Yachten und Sportboote; Hochsee- Angelboote; Aluminium- und GFK-Angelboote; Ponton-Boote, gedeckte und Rigid Hull-Schlauchboote. Die Breite und Vielfalt unseres Marken-Line-up und die Produkt- vielfalt ermöglichen es uns, in zahlreichen unterschiedlichen Segmenten auf globaler Basis zu konkurrieren.

 

Rudolf Berglehner, FIPA: Wir konzentrieren uns auf Motoryachten – Verdränger und Gleiter.

Dr. Jens Gerhardt, Hanse Group: Wir stehen derzeit auf zwei Standbeinen: Gleit-Motorboote und Segelboote. Wir halten dies für sehr sinnvoll, da sich beide Märkte unabhängig voneinander bewegen. Derzeit spüren wir zum Beispiel wieder Wachstum bei den Seglern, wohingegen die letzten beiden Jahre eher bei den Motorbooten ein Aufwärtstrend zu verzeich- nen war.

 

Produktions-Standorte

Hinsichtlich einer Konzentration auf wenige Produktionsstandorte verfolgen die großen Gruppen unterschiedliche Philoso- phien. Bavaria Yachts hingegen kann aus logistischen Gründen die großen und vor allem breiten Katamarane nicht im deut- schen Binnenland in Giebelstadt ausliefern und benötigt für Letztere den zweiten Standort an der französischen Atlantik- küste. Die Hanse Group konzentriert sich für alle Marken auf den Standort Greifswald, wobei es dort zwei Produktions- stätten gibt und eine weitere nahebei im polnischen Stettin. Die Brunswick Boat Group und Groupe Bénéteau behielten nach ihrem Aufkauf vor allem US-amerikanischer Werften deren Produktionsstandorte bei. Sie lassen auch in Ländern wie Polen mit einem niedrigen Lohnniveau fertigen – Bénéteau in eigenen Werften, Brunswick bei Subunternehmen. Hohe Ein- fuhrsteuern wie beispielsweise in Brasilien veranlassten die italienische Azimut-Benetti Gruppe, für den brasilianischen Markt einen Produktionsstandort in Brasilien zu unterhalten. Die FIPA-Gruppe, die einige CBI Navi Modelle in China für den Fernostmarkt bauen lässt, attestierte ihrem vierten China-Bau italienische Qualität. Möglicherweise verlagern auch andere Gruppen ihre Produktion nach China. Gesprochen wird bereits davon, offiziell bestätigt wird dies indes noch nicht.

Wassersport-Wirtschaft: An wie vielen Werft-Standorten produziert Ihre Gruppe derzeit? Betrachten Sie es als er- strebenswert, die Zahl der Werft-Standorte zu erweitern?

Lutz Henkel, Bavaria Yachts: Mit der Sparte Bavaria Catamarans in Rochefort (Frankreich) haben wir außerhalb Deutschlands bereits einen weiteren Standort, sehen aktuell keine Notwendigkeit für noch mehr.

Hervé Gastinel, Groupe Bénéteau: Wir fertigen derzeit an 17 Standorten, vorwiegend in Frankreich. Außerhalb unseres Hei- matlandes haben wir Produktionsstandorte in Italien, Polen, den USA (North Carolina und Michigan) sowie in Brasilien (Rio de Janeiro). Wir arbeiten derzeit an einer Strategie mit mehr Produktionsstandorten, um weltweit so nah wie möglich bei unseren Kunden zu fertigen, insbesondere in Europa, Nordamerika und Asien.

Huw Bower, Brunswick Boat Group: Wir produzieren Boote auf der ganzen Welt an 14 verschiedenen Orten in der west- lichen Hemisphäre sowie in Europa.

Rudolf Berglehner, FIPA: Mit den drei Standorten – in der Toskana, in Viareggio und für den chinesischen Markt in China – fühlen wir uns gut aufgestellt. Weitere Standorte sind nicht geplant.

Dr. Jens Gerhardt, Hanse Group: Die Hanse Group konzentriert sich für alle Marken auf den Standort Greifswald mit zwei Produktionsstätten. Eine weitere gibt es im polnischen Stettin.

 

Stückzahlen

Große Gruppen bedeutet nicht, dass sie auch Massen an Stückzahlen produzieren. Vor allem nicht, wenn sie wie FIPA oder Lürssen im Superyachtbereich unterwegs sind. Für diejenigen, die eher im kleineren und mittleren Marktsegment fertigen, stellt sich die Situation jedoch anders dar. Bei ihnen amortisieren sich die hohen Entwicklungs-, Bauvorbereitungs- und Vertriebskosten erst durch hohe Stückzahlen. Wie viele das sind, wollte uns die Brunswick Boat Group nicht verraten, al- lein ihre Marke Quicksilver verkaufte 2014 vor allem in Europa gut 2.200 Boote (siehe Quicksilver-Bericht, Wassersport-Wirtschaft 1/2015). Andere Gruppen waren da auskunftsfreudiger.

Wassersport-Wirtschaft: Wie viele Einheiten produziert Ihre Gruppe derzeit?

 

Lutz Henkel, Bavaria Yachts: Mehr als 1.000 im Jahr.

Hervé Gastinel, Groupe Bénéteau: Gut 8.500 im Jahr.

Huw Bower, Brunswick Boat Group: Über diese Zahlen sprechen wir nicht.

Rudolf Berglehner, FIPA: Sechs bis acht Yachten pro Jahr.

Dr. Jens Gerhardt, Hanse Group: 570 Yachten im Jahr.

 

Auslastung

Hinsichtlich der Auslastung ihrer Werften hält man sich bedeckt. Sie ist natürlich in erster Linie von der allgemeinen Wirtschaftslage abhängig. Es ist aber bekannt, dass zu hohe, nicht genutzte Kapazitäten zu ökonomischen Problemen führen können oder Gruppen, die außer Haus bei Subunternehmen fertigen lassen, mitunter Schwierigkeiten haben, die vereinbarten Stückzahlen abzunehmen. Denn der internationale Bootsmarkt ist längst kein Wachstumsmarkt mehr, sondern ein eher schrumpfender und damit ein Verdrängungsmarkt.

Wassersport-Wirtschaft: Zu wieviel Prozent sind Ihre Werft-Standorte derzeit ausgelastet? Sehen Sie eine realistische Möglichkeit, die Auslastung mittelfristig

zu erhöhen, und wenn ja, um wie viel Prozent?

Lutz Henkel, Bavaria Yachts: Am Standort Rochefort haben wir aufgrund der extrem gestiegenen Nachfrage nach Kata- maranen die Kapazität seit 2014 verdreifacht. In Giebelstadt ist die Produktionsplanung nach Einführung des Bavaria Production System sehr flexibel. Durch die konsequente Anwendung der aus der Automobilindustrie bekannten und be- währten Leanmanufacturing Prinzipien können Auftragsspitzen problemlos bewältigt werden.

Hervé Gastinel, Groupe Bénéteau: Wir fertigen alle Boote ausschließlich in eigenen Werften. Dass wir dabei die Kapazitäten höchst effektiv nutzen, ist enorm wichtig, um im Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir verfolgen die Strategie, in Synergie mit den Erfordernissen des Marktes zu wachsen.

Huw Bower, Brunswick Boat Group: Diese Zahlen veröffentlichen wir nicht. Nur soviel: In den letzten Jahren haben wir die Kapazitäten an zahlreichen Produktionsstätten erweitert sowie eine Werft in Florida wieder geöffnet, um die Nachfrage zu erfüllen.

Rudolf Berglehner, FIPA: Zu 60 Prozent. Für eine bessere Auslastung arbeiten wir an zwei neuen Projekten.

 

Dr. Jens Gerhardt, Hanse Group: Obwohl wir teilweise zwei- und derzeit in der Vormessezeit auch mal dreischichtig ar- beiten, so ist doch über das Jahr gesehen der Einschichtbetrieb bei uns derzeit die Regel. Wir könnten also leicht die Kapazitäten mittels Ausweiten der Arbeitszeiten vergrößern. Vom Hallenplatz her sind wir ganzjährig schon fast zu 100 Prozent belegt.

 

Entwicklung

Verdrängungsmarkt und Konzentration, das wird sich auch einschneidend auf eigenständige Designer, Konstruktionsbüros und Produktentwickler auswirken. Noch setzen die Werften, vor allem die von Superyachten, auf die großen und guten Namen aus diesen Bereichen.

Wassersport-Wirtschaft: Entwickeln Sie die Modelle inner- halb Ihrer Gruppe – oder nutzen Sie dafür andere Unter- nehmen, beispielsweise beim Design, der Konstruktion, für den Formenbau? Aktuell und in Zukunft? Wie sehen Sie das Kosten-Nutzen-Verhältnis?

Lutz Henkel, Bavaria Yachts: Seit unserer Gründung 1978 greifen wir auf international bekannte Designer und Konstruk- teure zurück. Inhouse haben wir ein eigenes Team an Konstrukteuren und Designern, die zusammen mit den externen Designern neue Modelle entwickeln.

Hervé Gastinel, Groupe Bénéteau: Wir haben zwar einen festen Stamm von Konstrukteuren, Designern, Ingenieuren und Produktionsspezialisten für Design und Produktentwicklung inhouse, aber viele Teams arbeiten für neue Modelle mit welt- berühmten Konstrukteuren und Designern zusammen. Das betrifft insbesondere die größeren Einheiten, spezielle Serien und custom-built-Projekte. Nach Festlegung von Konstruktion und Design beginnt die Bauphase in den eigenen Werften einschließ- lich Formen und Holzarbeiten. Damit haben wir stets die volle Kontrolle über jede Einheit in allen Bauphasen, und das hat sich bislang als erfolgreich erwiesen.

Huw Bower, Brunswick Boat Group: Die Brunswick Boat Group verfügt über ein großes Potenzial an Fachkräften im Bereich Produktentwicklung und Engineering (PD & E), Personal und globale Kapazitäten bei allen Bootsmarken. Eine unserer drei strategischen Säulen ist Produktführerschaft. Einfach gesagt, wir entwickeln von den Kunden gewünschte, intuitive und innovative Produkte schneller und besser als unsere Wettbewerber. Dafür haben wir ein beachtliches Talent entwickelt und investiert. Zum Beispiel mehr als 22 Millionen US Dollar in Boat PD & E im Jahr 2015.

Rudolf Berglehner, FIPA: Wir arbeiten mit bekannten Yachtkonstrukteuren und -designern zusammen, haben allerdings ein eigenes Architektenteam inhouse.

Dr. Jens Gerhardt, Hanse Group: Wir haben ein großes Entwicklungs- und Ingenieur-Team, und wir entwickeln daher fast ausschließlich inhouse. Dadurch können wir schneller und günstiger auf neue Trends reagieren. Designtätigkeiten ver- geben wir auch mal extern, um frische Impulse zu bekommen. Lediglich bei Nautical Architecture setzen wir gänzlich auf marktführende Konstrukteure. Bei den Segelyachten der Marken Hanse und Dehler sind das judel/vroljik & co, bei der Segelyachtmarke Moody und der Motoryachtmarke Sealine Bill Dixon und bei Fjord Patrick Benfield.

 

Händlernetz

Die Konzentration auf die großen Gruppen wird auch an den Händlernetzen nicht spurlos vorübergehen. Veränderungen sind zu erwarten. Das heißt: Auch in diesem Bereich wird ein Konzentrationsprozess auf Dauer kaum zu vermeiden sein, es sei denn, die Gruppen unterhalten für ihre diversen Marken auch weiterhin wie bisher eigene Händlernetze mit regionalen Verkaufsgebieten, um die Nähe zum Kunden sicherzustellen. Neue Händlernetze werden nur dort entstehen, wo im interna- tionalen Bootsmarkt auch neue Märkte entstehen. Doch dass dies kein leichter Prozess werden wird, sieht man am Beispiel China, das von vielen Werften schon vor Jahren als neuer Markt gesehen wurde – und der sich bei weitem nicht so optimistisch entwickelt hat.

Wassersport-Wirtschaft: Über wie viele Händler verfügt Ihre Gruppe derzeit weltweit? Halten Sie eine Erweiterung oder Reduzierung des Händlernetzes in der Zukunft für sinnvoll?

 

Lutz Henkel, Bavaria Yachts: Wir verfügen über ca. 120 Händler in 52 Ländern. Veränderungen, insbesondere Zuwäch- se, sind aufgrund von wirtschaftlichen Steigerungen möglich und werden von uns im Rahmen unseres Business Develop- ments begleitet. Seit kurzem sind wir auch im Iran vertreten.

Hervé Gastinel, Groupe Bénéteau: Über unsere Händler sind wir weltweit mehr als 1.000 Mal vertreten. Was die jüngsten Käufe der vier US-amerikanischen Marken (Glastron, Four Winns, Scarab und Wellcraft) und ihre Distributionsnetzwerke betrifft, arbeiten wir gerade an der Integration und Entwicklung für deren Vertrieb, um den Kunden weltweit den besten Service zu bieten.

Huw Bower, Brunswick Boat Group: Die Brunswick Boat Group vertreibt ihre Produkte über ein weltweites Netz von rund 3.000 Händlern und Distributoren, die möglicherweise auch andere Marken führen.

Rudolf Berglehner, FIPA: Wir haben eigene Büros in Spanien, Frankreich, Italien, Florida, Hong Kong und Shanghai sowie Händler in der ganzen Welt.

Dr. Jens Gerhardt, Hanse Group: Wir haben ein internationales Netzwerk aus ca. 200 Händlern und 50 Ländern. Die optimale Netzgröße hängt von den Marken ab. Ein Händler muss stark genug sein, um guten Service leisten zu können, aber eine Hauptmarke muss dann auch stark genug sein, um ihn und seine Mannschaft zu ernähren. Anders ist das bei Nischenmarken, welche bei Händlern zusätzlich deren bestehendes Portfolio ergänzen sollten.

 

Zukunft

Wie bereits erwähnt, befindet sich die Branche derzeit in einem hart umkämpften Verdrängungswettbewerb. Langfristig überleben werden nur finanziell gut aufgestellte Werften, die diesem Wettbewerb standhalten können. Die großen Gruppen werden sicherlich dazu gehören.

Wassersport-Wirtschaft: Wo sehen Sie die Grenzen des Wachstums? Wo sehen Sie Ihre Gruppe in zehn Jahren? Glauben Sie, dass sich der Konzentrationsprozess im Werftbereich fortsetzen wird?

Lutz Henkel, Bavaria Yachts: Wir sind seit langem die zweitgrößte Serienwerft der Welt. Diese Position werden wir halten und weiter ausbauen.

Hervé Gastinel, Groupe Bénéteau: Als führende europäische Serienwerft und gemessen am Umsatz nach Brunswick (USA) die Nummer Zwei weltweit, sind wir ambitioniert, in zehn Jahren weltweit die Nummer Eins zu sein. Da die Kom- plexität in der Bootsbranche weiter steigen wird, müssen die Unternehmen in kritischen Bereichen wie Ausrüstung, Sicher- heit und Umweltschutz innovativ sein und sich verbessern, auch bei den Dienstleistungen für die Kunden. Dieser Trend wird höchstwahrscheinlich zu einer weiteren Konzentration und Konsolidierung in der Bootsbranche führen, da nur Unter- nehmen mit einer soliden industriellen und kommerziellen Basis in der Lage sind, höhere Anforderungen und Erwartungen zu erfüllen. Wir bieten große Vielfalt an Modellen und Marken.

Huw Bower, Brunswick Boat Group: Unser Geschäft ist abhängig von einer gesunden Wirtschaft, geopolitischer Stabili- tät und der Stärkung des Vertrauens der Verbraucher. Vieles davon können wir nicht steuern. Deshalb konzentrieren wir uns auf unsere Wettbewerbsposition in den Bereichen, die wir kontrollieren können: Produktführerschaft, Kosten, Innovation, Kundenorientierung und Qualität, um nur einige Positionen zu nennen. Wir fokussieren uns darauf, uns auch in den kom- menden Jahrzehnten weiterhin als Branchenführer zu positionieren.

Rudolf Berglehner, FIPA: Schwierig, in der heutigen Zeit dazu Stellung zu nehmen.

Dr. Jens Gerhardt, Hanse Yachts: Der Markt wächst, also können wir es auch. Wir haben schon wieder ein gutes Niveau erreicht, wie damals, ein oder zwei Jahre vor dem höchsten Peak. Wir konzentrieren uns derzeit darauf, unsere bestehenden Marken auszubauen. Uns ist es bisher gelungen, mehrere Jahre nacheinander um zehn Prozent zu wachsen.