Quo vadis, Genua?
Ehedem im internationalen Bootsmessezirkel fest verankert, steuert der Salone Nautico Genova seit ein paar Jahren ins regionale Abseits. Nun wollen die Messemacher gegensteuern. Hans Wischer berichtet über Entwicklungen, Pläne und Gerüchte.
Mit fünf Millionen Euro will Italiens Außenhandelsminister Carlo Calenda die Talfahrt
der italienischen Bootsbranche stoppen. Aus diesem Topf sollen die Transporte italienischer Boote zu ausländischen Messen bezuschusst werden, während zwei Millionen Euro der staatlichen Entwicklungshilfe dem Salone Nautico in Genua zugutekommen sollen. Die Ausstellung hat die Förderung auch bitter nötig
– keine andere Bootsmesse in Europa wurde so arg von der Krise und ihren Folgen gebeutelt wie die Veranstaltung in Genua. Seit 2008, dem letzten guten Jahr, hat sich die Besucherzahl bis 2014 auf etwa ein Drittel reduziert, augenscheinlich ähnlich verhielt es sich mit den ausgestellten Booten.
Damit spiegelt die Messe das Bild der italienischen Branche wieder, der vor allem Käufer aus dem Inland wegbrechen. Ein Grund dafür mag in den zahlreichen Kontrollen beim Ein- und Auslaufen liegen, die der Steuerehrlichkeit im eigenen Land geschuldet sind – mit der man es, ähnlich wie in Griechenland, in der Vergangenheit nie so ganz genau genommen hat. Doch im Gegensatz zu Griechenland mit nur wenigen Bootswerften war die Bootsbranche in Italien stets ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor.
Viele Jahre dominierten italienische Werften die Messe in Genua, während Boote aus dem Ausland im Vergleich zu anderen europäischen Veranstaltungen deutlich unterrepräsentiert waren. So mancher Aussteller hatte das Gefühl, dass italienische
Werften bevorzugt wurden. Bis 2013 wurde die Genueser Messe vom italienischen Branchenverband UCINA beraten, 2014 ging die komplette Organisation an die neugegründete Gesellschaft I Saloni Nautici SpA über. An der hält die Messegesellschaft 49 Prozent und die UCINA 51 Prozent und mietet Hallen und Wasserfläche für die Veranstaltung von der Messegesellschaft.
Damit liegt die Federführung jetzt vollends beim Branchenverband, der von einer künftig schlankeren Organisation spricht. Wie auch immer, die Internationalität nahm zusehends ab, während die Ausstellung in Cannes drei Wochen zuvor davon profitierte und sich schlussendlich einige italienische Werften in Cannes größer präsentierten als im eigenen Lande. Für die Besucher zeigte sich Cannes mit seinem besonderen Reiz zunehmend attraktiver, wobei das Flair der Filmfestival-Stadt voll auf die Messe übersprang. In fußläufiger Entfernung gibt es dort zahlreiche kleine und große Hotels, die ihre Preise zur Messe nur moderat anheben, während sie sich in einigen Genueser Hotels zu Zeiten des Salone Nautico vervierfachen und in den Restaurants schon mal verdoppeln, die Stadt nach 23 Uhr aber größtenteils in einen Dornröschenschlaf fällt.
Zunehmend problematisch gestaltet sich auch die Fluganreise nach Genua: International gibt es nur jeweils zwei tägliche Verbindungen mit München, London und Paris. Und die Stadt selbst? Mit ihren wirklich sehenswerten Palästen versucht Genua seit ein paar Jahren im Beiprogramm Genova in Blu zu punkten und will sie Ausstellern für ein Event schmackhaft machen. Die Resonanz ist gering.
Wie aber hat sich die Messe im Laufe der Zeit entwickelt? 1960 bis 1984 präsentierte sich Genua als reine Hallenschau, verteilt über fünf Gebäude auf teilweise mehreren Ebenen. Zwischen 1985 und 2006 wurden Ausstellungsflächen im Wasser in der zur Messe gehörenden Marina Uno vermietet, die bis 2012 um die in der zum Genueser Hafen zählenden Marina Due erweitert wurden. 2013/2014 dann der Rückschritt: Hallenflächen und Liegeplätze im Wasser wurden reduziert.
Dass sich etwas ändern muss, ist auch den Veranstaltern klar. Die nicht genutzten Hallen verschwanden im letzten Herbst hinter hohen, rot gefärbten Holzwänden,
und die Stege in der Marina Due wurden luftiger verlegt. 68 Journalisten aus 30 Ländern wurden eingeladen – und auch 40 Branchenvertreter, um sie den Aufwind spüren zu lassen, den der Branchenverband UCINA, die staatliche Italien Trade Agency und die Stadt Genua zuvor optimistisch propagiert hatten. „Wir brauchen mehr Internationalität“, war eine der Botschaften. „Wir brauchen weniger Bürokratie im Lande“ eine andere. Und: „Wir wünschen uns mehr Präsenz bei der Berichterstattung in ausländischen Medien“ eine dritte.
Dennoch: Arrangement, Aufteilung und Darstellung der einzelnen Bereiche kann man durchaus als gelungen bezeichnen. Unter dem großen geschwungen Hardtop-
Dach, unter dem sich im Freien ehemals Motoryachten präsentierten, waren Jollen und Segelzubehör zu sehen. Ein ungewohntes Bild, doch Aussteller in diesem Bereich waren mit der neuen Position sehr zufrieden. Nun muss man sehen, ob das der nächsten Veranstaltung zum einstigen Glanz und auch zu mehr Internationalität verhilftoder der Weg eher national verläuft.
Für Verwirrung unter den Ausstellern sorgte indes ein Interview, das UCINA-Präsident Max Perotti im Vorfeldder Messe dem internationalen Branchenmagazin IBI gegeben hatte. Darin war die Rede von zwei Genueser Bootsausstellungen im Jahr 2015, die eine Mai und die andere im Oktober. Beflügelt worden waren diese Pläne von einem Ereignis, das den gesamten Sommer über in Mailand stattfindet: die Expo. Von der aus steuern Ausflugsbusse andere italienische Städte an, um den Expo-Gästen die Schönheiten des Landes zu zeigen. So nahm die Gerüchteküche ihren Lauf. Aus einem Event im Mai wurde gleich eine den ganzen Sommer über währende Veranstaltung in Genua mit Zubringerbussen von der Mailänder Expo. Dann wieder war von einer kleinen Darstellung des italienischen Yachtbaus in Mailand selbst die Rede. Doch sicher war bis Redaktionsschluss nur dieses: Der nächste Salone Nautico Genova findet im Herbst 2015 statt – vom 30. September bis zum 5. Oktober. Für alles andere dürfte die Zeit knapp werden.





