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Wie die Niederlande den Tourismus auf Nebenwasserstraßen fördern – und ganz nebenbei reichlich neue Arbeitsplätze schaffen


Nebenwasserstraßen haben es schwer in Deutschland. Am liebsten würde man so manche Kanäle, die nicht mehr für den Transport großer Warenmengen benötigt werden, der Wildnis überlassen. Dass es auch anders geht und Nebenwasserstraßen ein interessantes wirtschaftliches Potenzial haben, zeigt ein Blick auf die Niederlande.

Kanäle in den Niederlanden gibt es wie Brücken in Venedig, um nicht den vielzitierten Sand am Meer zu bemühen. Sie verbinden Seen und Meeresteile, führen durch Städte, Dörfer und unberührte Landschaften gleichermaßen. Längst haben „die Holländer“, wie hierzulande unsere Nachbarn verallgemeinert genannt werden, erkannt, dass sich damit einiges machen lässt.

Als „schönste Provinz der Niederlande“ bezeichnet sich Friesland – und ist eine der wichtigsten Destination auch deutscher Wassertouristen. Die Friesischen Seen allein (etwa 35 Seen) sind zusammen schon 9.300 Hektar groß. 850 Kilometer Wasserstraßen ziehen sich durch die Provinz, die 219 Yachthäfen zählt. Fryslân, wie die Region im dortigen Dialekt heißt, will es Wassersportlern so angenehm wie möglich machen.

Schon zur Jahrtausendwende erkannten die Friesen das Potenzial ihrer zum Teil aus dem 17. Jahrhundert stammenden Wasserstraßen – und brachten das „Friesische Seenprojekt“ („Friesemeren“ auf  niederländisch) auf den Weg. In viele bestehende wie neue Einrichtungen wurde investiert, um die Provinz
und ihre Orte für den Wassersport attraktiver und gastlicher zu machen. Mit allen Kräften wird an den Wasserstraßen gearbeitet, die die vielen Seen verbinden * (Siehe Infokasten *Das Friesische Seenprojekt).

Geld für Maßnahmen kam nicht nur von der EU (wie an den entsprechenden Tafeln bei den jeweiligen Bauwerken zu erkennen ist), sondern auch ganz einfach aus der regionalen Wirtschaftsförderung, dem Fond „Wurkje foar Fryslân“ (Arbeiten für Friesland). Fremdenverkehr und Arbeitsplätze wurden so Hand in Hand gefördert. Allein von Beginn des Projektes bis 2009 wurde die Zahl der Arbeitsplätze im Friesischen Wassersportsektor um über 20 Prozent gesteigert. Seit 2009 ist die Provinz Friesland Eigentümerin der Seen, die vorher einer Abteilung des Finanzministeriums unterstanden.

Neue Fahrrouten wurden geschaffen, alte Kanäle ausgebaggert, neue Aquädukte und Brücken gebaut, neue Liegeplätze eingerichtet, Schleusen und Häfen repariert, wieder in Betrieb genommen oder neu geschaffen. Nebenbei wurden damit auch viele Dörfer durch Umgehungsstraßen und Aquädukte verkehrsberuhigt. „Es spricht auch für sich selbst, dass die bessere Erreichbarkeit von Wassersportorten nicht zuletzt für die Einwohner eine große Verbesserung ist“, heißt es auf der Homepage friesemeren.nl. Aber auch Regeln wurden aufgestellt für ein problemloses Miteinander und ein rücksichtsvolles Verhalten gegenüber der Natur. Jannewietske de Vries, Politikerin in der Provinz Friesland, fasste das Projekt seinerzeit einfach zusammen: „Die Friesischen Seen sind Gold wert. Das Wasser bietet uns ebenso viele Herausforderungen wie auch Chancen. Damit müssen wir sorgfältig umgehen. Die Wirtschaft des Wassers steht für uns zentral. Sie geht jedoch bei uns und beim Friesischen Seenprojekt Hand in Hand mit Nachhaltigkeit und Naturerhalt.“

Das „Marrekrite“-Projekt

Dass die Niederländer gerne campen, ist nicht nur Autofahrern bekannt, die sich im Sommer hinter den Gespannen mit den gelben Nummernschildern in Geduld üben müssen. Wildes Campen wird dagegen im eigenen Land nicht gerne gesehen – sonst würde wohl jeder seinen Claim markieren. So sieht man es auch entlang der Kanäle. Irgendwo anhalten und übernachten ist nicht gewünscht – aber auch gar nicht nötig oder sinnvoll. Denn mit dem „Marrekrite-Projekt“ wurden in Friesland 3.500 Liegeplätze an 550 Stegen geschaffen – meist mitten in der Natur, manchmal nur ein paar Schritte vom Ort entfernt. Häufig passen nur drei bis vier Schiffe an eine solche Anlegestelle. Eine Marina-ähnliche Infrastruktur gibt es an diesen Plätzen nicht. Meist gibt es dort am Steg nur Müll-Container – mehr braucht es mitten in der Natur aber auch gar nicht. Bis zum nächsten Ort ist es in Friesland selten weit, und so gibt es meistens Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe. Der Balance zwischen der Erholung auf dem Wasser sowie Natur und Landschaft hat sich Marrekrite verschrieben, eine Arbeitsgemeinschaft der Provinz Friesland und 19 Gemeinden.

Wassersportler dürfen die Marrekrite-Liegeplätze kostenlos nutzen (jedoch nicht länger als drei Nächte an einer Stelle). Erwartet wird lediglich, dass man für rund 20 Euro den Marrekrite-Wimpel erwirbt (und auch setzt), der jedes Jahr eine andere Farbe hat. Auch ein paar Bojen – die MarBoei’s – sind an schönen Plätzen verankert, wo man einfach festmachen kann – und wie vor Anker, aber an sicherer Stelle liegt.

Freizeitfahrzeuge dürfen in Friesland ihr Abwasser nicht außenbords entsorgen. Abwassertanks sind vorgeschrieben – und vielerorts Absaugstationen eingerichtet. Ein PDF mit diesen „Vuilwaterinname“-Stationen ist unter <link http: www.friesemeren.nl>www.friesemeren.nl nur im niederländischen Sprachbereich über „Natuur“ und „Schoonwatercampagne“ zu finden. Die Liegeplätze des Marrekrite-Projekts klappert sogar ein Absaugschiff (das „Vuilwaterboot“) ab.


Neue Routen hat das Land

Viele Routen wurden durch die friesischen Fördermaßnahmen neu erschlossen. Auf www.friesemeren.nl werden unter „Grenzenlos fahren“ verschiedene Routen kurz beschrieben, etwa die Elf-Städte-Route, für die ein letztes Stück wieder schiffbar gemacht wurde. Die „Hölle des Nordens“ etwa, wie die Eisläufer das Stück zwischen Berltsum (Berlikum) über Bartlehiem und Leeuwarden nannten, ist seit 2013 im Sommer ein wahrer Traum für Wassersportler (zulässiger Tiefgang für dieses Teilstück 1,30 m, Durchfahrtshöhe etwa 2,40 m).

Die historische Middelseeroute, Unterteil der Elf-Städte-Route, war vor langer Zeit eine wichtige Fahrverbindung zwischen Leeuwarden und Sneek. Nunmehr ist dieser Wasserweg für Motorboote sowie für Segelboote, deren Mast einfach gelegt werden kann, eine vorzügliche Alternative für den stark  frequentierten Prinses-Margriet-Kanal. Hier wurden Wasserwege vertieft, Brücken erhöht und neue Liegeplätze realisiert.


Aquädukte statt Brücken

Im südwestlichen Seengebiet von Friesland sorgen fünf neue Aquädukte für offene Fahrverbindungen zwischen den beliebten Wassersportgebieten in diesem Teil der Provinz. Bei Galamadammen ist ein Hindernis für den Wassersport entfallen: Die gefürchtete Brücke ist durch das Galamadammen-Aquädukt ersetzt worden. Dieses Bauwerk sorgt nun für einen ungehinderten Verkehr zu Lande und auf dem Wasser. Auch Woudsend war immer ein problematischer Ort für die Durchfahrt. Hier wurden ein Aquädukt und eine neue Umfahrungsstraße erstellt. Dadurch gehören die Verkehrsprobleme an der Brücke in der Dorfmitte der Vergangenheit an. Zwischen Hommerts und Jutrijp ersetzt nun das Jeltesleat-Aquädukt die gleichnamige Brücke. Mit 70.000 Bootspassagen pro Jahr war dieses Bauwerk das meist befahrene Hindernis in der Provinz Friesland. Auch rund um Sneek wurden zwei neue Aquädukte gebaut.

Für den Straßenverkehr sind damit die lästigen Wartezeiten an Brücken passé, die für Wassersportler geöffnet werden mussten. An anderen Stellen ist eine ungehinderte Passage nun auch für Schiffe mit höheren Aufbauten oder stehendem Mast möglich.


Unter Strom

Auch die Benutzung von Booten mit Elektroantrieb wird unterstützt – mit Zuschüssen etwa für Ladestationen. 2017 wurde das friesische Seenprojekt abgeschlossen – und schon wird es erweitert. 2018 soll es bereits drei Routen geben, die nur elektrisch befahren werden dürfen: Heeg – Oudega, die Butenfjild-Route und die Reidmar-Route von Bolsward über die Blauhusterpuollen nach Oudega. Ehemalige Kanu- und Schaluppen-Strecken durch Naturgebiete sind dann „Electric-Only-Routen“. Kanus und SUPs dürfen natürlich weiter dort fahren. Allerdings sind manche Brückendurchfahrten so niedrig, dass selbst Stand-up-Paddler den Kopf einziehen müssen.


Digitalisierung des Wassertourismus’

Stege, Liegeplätze und Fahrwasser sind nicht alles. Auch an das „Informationszeitalter“ haben die Friesen gedacht – und ihre Wege übers Wasser mit denen der modernen Kommunikation, also Internet und Apps, verknüpft.

Insbesondere die Homepages friesemeren.nl und fryslan.frl – neben friesisch auch in deutsch, englisch und niederländisch – informieren über die Projekte allgemein wie auch detailliert, von aktuellen Infos bis hin zu interaktiven Karten. Damit das auch unterwegs funktioniert, wurde auch die Zahl der WLAN-Spots für den Touristen deutlich erhöht.

Mit einer App („Watersport“) fürs Smartphone kann man Brückenöffnungszeiten, Sperrungen und Informationen über die Qualität des Badewassers abfragen. Eine jährlich aktualisierte Wassersportbroschüre (auch in Deutsch, 36 Seiten) kann man unter www.fryslan.frl/beleidsthemas/watersport_3397/ herunterladen, wo auch ein Link zur App Watersport zu finden ist.

Seinen Wassersporturlaub im Norden der Niederlande (und auch in Norddeutschland bis Bremerhaven) kann man aber auch mit dem Wasserwege-Navigator „Der Skipper“ bis ins kleinste Detail vorbereiten. Selbst Besuche in Museen lassen sich damit für eine Route planen, Restaurants oder Bars recherchieren. Auch Sehenswürdigkeiten von Tierparks bis zu Hünengräbern oder Freizeitangebote vom Kletterpark bis zur Skipiste (!) werden interaktiv angezeigt. „Der Skipper“ wird unter www.deskipper.eu zur Verfügung gestellt, vieles darin auch in deutscher Sprache.


Potenzial erkannt

„Nebenwasserstraßen sind ein Kapital, um Leute, die Zeit und Geld haben, in die Orte und Innenstädte zu locken“, sagt Dr. Wolf-Dieter Mell, Leiter des Instituts für Boots-Tourismus (IBoaT) in Bonn und seit über 25 Jahren Kenner der niederländischen Wassersport-Szene. Die Orte würden miteinander konkurrieren um die Gunst der Touristen, „die einkaufen, essen und trinken oder unterhalten werden wollen“, so Mell. Ob Leeuwarden, Joure oder Sneek – wo Liegeplätze mit Strom, Sanitäreinrichtungen und Einkaufsmöglichkeiten oder Kneipen geschickt eingerichtet wurden, „da steppt der Bär“, so Mell.
Übrigens: 2018 sind Leeuwarden und Fryslân Kulturhauptstadt Europas.