Wassersport in der dritten Dimension
Wasser ist nicht genug: Die Wassersportler erobern sich die dritte Dimension. Mit der Foiling-Technologie wird die Geschichte des Wassersports um ein neues Kapitel erweitert, um das Kapitel des Fliegens. Spätestens seit beim America's Cup 2013 die mächtigen 72-Fuß-Kats fast mühelos und weitgehend kontrolliert per Unterwasserflügel aus dem Wasser gehoben wurden, ist das Thema Foiling in aller Munde.
Das Tor zu einer breiten Entwicklung scheint geöffnet. Die Ideen sprießen, Hobby- und Profi-Konstrukteure setzen auf Foils, was sich auf dem Wasser bewegen lässt: Die Motten haben es vorgemacht, die Kats haben längst nachgezogen. Aber auch Surfer und Kiter befreien sich von ihrem ursprünglichen Element. Und nicht mal vor Kayaks, Tretbooten, SUP-Boards und eigenwilligen Kreationen wie Rennrädern auf Surfboards macht die Entwicklung international halt. In Deutschland scheint die Szene aber noch im Dornröschen-Schlaf.
Die Idee, Boote per Unterwasserflügel anzuliften, damit Verdrängung und Widerstand zu verringern und höhere Geschwindigkeiten zu erzielen, ist alles andere als neu. Bereits im 19. Jahrhundert gab es erste Ansätze auf dem Papier. In den frühen 1900er Jahren gelang es schließlich, kleine Motorboote über das Wasser schweben zu lassen. Der Italiener Enrico Forlanini, der Brite John Thornycroft sowie der amerikanische Telefon-Erfinder Alexander Graham Bell und sein Chef-Ingenieur Casey Baldwin waren die Pioniere der Hydrofoil-Boote. Bell und Baldwin brachten 1919 mit technischer Unterstützung der US Navy ihren HD-4 auf eine Geschwindigkeit von 114 km/h über dem Wasser.
Die Antreiber für den windgetriebenen Foiling-Sport sitzen im französisch-sprachigen Raum. Eric Tabarly begann Mitte der 1970er Jahre, Trimarane auf Foils zu konstruieren. Doch die Möglichkeiten waren begrenzt. Mit den verwendeten Materialien wie Aluminium ließ sich nicht die erforderliche Leichtigkeit und Steifigkeit für die Rümpfe und Foils erzielen. So führten die Entwicklungen zunächst in Sackgassen. Der entscheidende Schub kam durch die Verwendung von Leichtbau-Materialen im Sportbereich. Carbon ist zwar ebenfalls seit dem späten 19. Jahrhundert bekannt, doch zu einer kommerziellen Anwendung kam es erst in den späten 1950er und 1960er Jahren. Im Sportbereich hielt die Carbon-Faser schließlich in den 1980er und 1990er Jahren Einzug. So waren auch im Segelbereich neue Ziele erreichbar.
„Drei entscheidende Materialeigenschaften haben Carbon zu dem Material dieser Bootsbau-Entwicklungen gemacht“, sagt Ralf Tapken, Geschäftsführer von CTM (Composite Technologie Material) in Schleswig: „Leichtigkeit, Stabilität und die Möglichkeit zur filigranen Bauweise. Nur so ist es möglich, leichte Rümpfe, Foils und Schwerter mit geringem Widerstand zu bauen, die in der Lage sind, die enormen Kräfte aufzunehmen, die auf sie wirken. Zu Carbon gibt es derzeit keine Alternative für diesen Bereich.“ Der Kern des Wissens im Bootsbau sitze dabei in Südengland, sagt Tapken und schaut respektvoll in die Region rund um Southhampton, wo sich bestes Engineering für den America’s Cup etabliert habe.
Im Vergleich zu herkömmlichen Jollen und Kats stellt das Riggsystem der Foiler – zumindest im Kleinboot-Bereich – keine erhöhten Ansprüche. „Der Gewichtsvorteil durch Faser- gegenüber Drahtmaterialien bei Wanten wäre nur gering“, sagt Peter Kohlhoff, Rigging-Experte aus Altenholz. Carbon-Masten und -Bäume sind dagegen wie in vielen Klassen auch bei den Foilern gängig. „Man kann kleinere Profile nutzen, außerdem hat Carbon den Vorteil der gleichbleibenden Qualität“, so Kohlhoff. Während Aluminium im Laufe der Zeit seine Steifigkeit verliert, bleibt diese bei Carbon bestehen. Höhere Ansprüche an das Rigging wird indes im Bereich der Groß-Boote gestellt. „Das A und O ist hier der verbesserte Windwiderstand, der durch Carbon-Masten und dünnere Wanten erzielt werden kann. Composite-Materialien sind hier daher der Status Quo“, sagt Kohlhoff. Wanten aus PBO und Dyneema-Laschings für die Verbindungen sind bevorzugte Lösungen, die laut Peter Kohlhoff zuverlässige Dienste leisten.
Eine erste beachtliche Speedmarke mit der neuen Technologie setzte 1993 der Hobie Longshot. Der Trimaran-Foiler, eine Konstruktion der Brüder Greg und Dan Ketterman, setzte den Rekord über 500 Meter auf 43,5 Knoten. Der Franzose Alain Thébault war es dann, der sich der Jagd nach dem Speedrekord mit einem Foiler vollends verschrieb. Sein Projekt mit der Hydroptère schaffte es nach diversen Rückschlägen und finanziellen Problemen, 2007 den Rekord über die Nautische Meile (41,6 Knoten) aufzustellen und 2009 die 50-Knoten-Marke über die Distanzen von 500 Metern (51,36 kn) und einer Seemeile (50,17 kn) zu knacken.
Abseits der Rekordjagden waren es im Segelbereich die Konstruktionsklassen, die das Foilen für sich entdeckten. Von den seit jeher innovativen Motten- und A-Kat-Seglern wurden die neuen Möglichkeiten schnell aufgegriffen. Zum Jahrtausendwechsel kamen die Motten aus dem Wasser. Seitdem haben sich in Großbritannien und Frankreich, in Neuseeland und Australien diverse Anbieter von Moth-Foilern entwickelt. Und mit üer 150 Teilnehmern bei der jüngsten Weltmeisterschaft im Januar in Australien offenbart sich das Potenzial für Serienhersteller. Auch die Weltmeisterschaft der A-Cats im vergangenen Herbst wies mit über 150 Startern ein rekordverdächtiges Feld auf.
Motten und A-Cats gelten international als ideale Betätigungsfelder, um sich für professionellen Segelsport fit zu machen. Die deutschen Foiler stecken indes offenbar noch in den Kinderschuhen. Weder im professionellen Bereich wie im America's Cup oder der Extreme Sailing Series sind deutsche Projekte aktiv, noch war Schwarz-Rot-Gold bei der erwähnten Moth-WM vertreten. Immerhin: Bei der A-Cat-WM gab es eine Reihe deutscher Starter – mit Helmut Stumhofer auf Platz zehn.
Manfred Schreiber, ehemaliger Geschäftsführer von CTM in Schleswig und passionierter Motten-Segler, sieht hierzulande noch keinen breit aufgestellten Nachwuchs: „Ich fürchte, wir haben aktuell nicht die große Masse von Seglern, die bereit sind, die sportlichen Voraussetzungen zu erfüllen und sich auch in die Konstruktionen einzubringen.“ Gekonntes Foiling erfordere eine sehr exakte Steuertechnik, um fliegend nicht nur über die langen Distanzen, sondern auch durch die Manöver zu kommen. Da müsse schon in der Grundschulung des Segelns von Trainern und Segellehrern umgedacht werden, so Schreiber. Das Ausland sei hier deutlich besser aufgestellt. Die Foiling Week auf dem Gardasee, die in diesem Juli zum dritten Mal ausgerichtet wird und inzwischen auch einen Ableger in Newport/USA hat, hole die Szene zusammen und zeige die Möglichkeiten. In Spanien habe sich mit Pro-Vela ein fester Standort für das Foiling etabliert, und in England werde intensiv an Foilern für die Allgemeinheit gearbeitet. „In Deutschland sind wir dagegen noch in einer Nische“, so Schreiber.
Eine Nische, die sich in Zukunft aber weiter öffnen könnte. Thomas Weinhardt, der Vorsitzende des Verbandes der Wassersportschulen (VDWS), sieht zumindest für sportlich orientierte Schulen Potenzial: „Wir sind hier sicherlich noch am Anfang, und mit dem falschen Material wird das Foilen schnell zur
Tortur. Noch wird viel experimentiert, aber in ein bis zwei Jahren könnte es für sportlich orientierte Kat-Segler interessant werden.“ Auf jeden Fall sei das Foiling geeignet, um für Aufmerksamkeit zu sorgen. Und im Kite-Bereich sei das Fahren auf Foils sogar schon jetzt angenehmer als auf dem Brett. „Da man
über den Wellen schwebt, bekommt man weniger Schläge, die Fahrt ist ruhiger und leiser“, sagt Weinhardt.
Eine deutsch-sprachige VDWS-Schule, die sich des Themas angenommen hat, ist das Stickl Sportcamp am Gardasee. Seit 40 Jahren im Segel- und Surfsport aktiv, hat Inhaber Heinz Stickl die Weiterentwicklung seiner Kundschaft mitverfolgt. Vom Kat-Segeln über das Agieren im Doppeltrapez bis hin zum Speedsegeln unter Gennaker sind etliche auf dem Sprung in den Regattabereich. Und das Foiling ist eine weitere Evolutionsstufe. „2012 hatten wir die WM der Motten vor der Haustür. Das hat den Funken überspringen lassen“, berichtet Stickl, der 2015 erstmals Kurse auf einer Motte angeboten hat. Skepsis von außen, dass es zu Verletzungen und zahlreichen Bootsschäden kommen würde, konnte dabei entkräftet werden. Mit dem richtigen Konzept ließen sich die Kursteilnehmer auf die Foils bringen. „Wir haben Kurse für vier Teilnehmer angeboten. Drei davon waren auf dem Motorboot, einer auf der Motte. Dabei war er mit einem Kopfhörerhelm ausgestattet und bekam ständig Informationen. Nach 20 Minuten wurde gewechselt. Am Ende der Woche sind alle gefoilt“, so Stickl.
In diesem Jahr werde das Angebot noch intensiviert. Mit der Schweizer Neukonstruktion, der Quant23, können auch Segelunerfahrene in das schnelle Segeln hineinschnuppern. Bei Stickl steht der Prototyp der flachen Kielboot-Flunder, die mit ihren ausladenden Seitenschwertern ins stabile Schweben kommt, für
Kursteilnehmer bereit. Besetzt mit einem Segellehrer und zwei Schülern lässt sich das Foilen auf der Quant23 sofort erleben. Stickl: „Wir haben das Boot frisch bekommen und sind sofort mit Geschwindigkeiten über 20 Knoten über den See geflogen – und das über Kilometer.“
Doch die neuen Möglichkeiten stellen auch Herausforderungen an die Schulen. Die Lehrer müssen speziell geschult sein, die Kurse eignen sich nur für einen kleinen Teilnehmerkreis, und der Materialeinsatz wie Benzin ist aufgrund der hohen Geschwindigkeiten und der weiten Distanzen höher als normal. Damit muss auch mit anderen Kurs-Preisen kalkuliert werden. Dennoch ist Heinz Stickl überzeugt, dass das Foiling nicht nur eine Modeerscheinung ist: „Vorausgesetzt die Revierbedingungen stimmen: gleichmäßiger Wind zwischen zwei und fünf Beau fort und eine flache Welle“, sagt Stickl. Und auf Schwachwind-Reviere können Motten ihren eigenen Wind kreieren, wenn sie kurz mit dem Motorboot angezogen werden. Wichtig dabei sei, die Segler dann mit einem GPS-Sender auszustatten, um sie gegebenenfalls wieder einsammeln zu können – gleiches gilt für Kiter.
Ein Kleinod deutscher Foiling-Technologie sitzt in Muhr am See. Heiner Wolfshöfer konstruiert hier rasante Carbon-Katamarane – und seit dem America's Cup 2013 mit dem Eagle 20 HF auch einen Foiler. „Die Idee für das Foiling war schon länger da, und nach dem America's Cup stieg auch die Nachfrage. Also haben wir die Form des Eagle 20 ein wenig verändert und einen Foiler konstruiert“, berichtet Wolfshöfer. Drei seiner fliegenden 20-Fuß-Kats sind inzwischen verkauft. Roland Gäbler, Kat-Spezialist und Olympia-Bronze-Medaillengewinner im Tornado in Sydney im Jahr 2000, hat mit seiner Frau Nahid im vergangenen Jahr den Eagle 20 HF getestet und urteilte: „Wir sind begeistert! Es macht sehr viel Spaß und ist ein sensationelles Segelgefühl.“ Aktuell werden die Foiler mit einer verbesserten „Flugkontrolle“ ausgestattet. „Bei einer Konferenz im vergangenen Jahr in der Schweiz wurde deutlich, dass die J-, L- oder C-Foils konstruktiv in eine Sackgasse führen. Wir sind daher zu T-Foils zurückgekehrt, die über ein ähnliches Reguliersystem per Flugklappen wie die Motten verfügen“, erklärt Heiner Wolfshöfer. Über dieses System sei eine stabile Lage des Kats besser zu gewährleisten, das Sportgerät gleite im Gegensatz zu den anderen Schwertsystemen stets auf vier Foils (an Schwertern und Rudern). Wolfshöfer: „Der Trend wird zum stabilen Foilen gehen. Denn nach dem Hype 2014 hatte sich der Ast des Interesses zuletzt ein wenig geneigt, nachdem Videos und Bilder von Überschlägen und Unfällen aufkamen.“ Weitere Veränderungen wie die Abkehr von den ausgestellten Großsegeln, um den Druck und damit die Nickbewegungen des Kats zu reduzieren, sollen zudem Erleichterungen beim Erlernen bringen: „Letztes Jahr hätte ich noch gesagt, man braucht ein bis zwei Saisons, um das Foilen richtig zu lernen. Mit der automatischen Regulierung ist es jetzt schon an einem Tag möglich.“ Dennoch wird sich rund um die fliegenden Boote auch ein Markt für Sicherheitskleidung mit Helmen, Prallschutz-Westen und Protektoren entwickeln. Das Foilen ist laut Wolfshöfer vor allem etwas für die Spaß-Generation. Im Regattabereich sind die Möglichkeiten begrenzt, Langdistanz-Rennen seien aber gut geeignet.
Das könnte Boris Herrmann in die Karten spielen. Der bekannte deutsche Hochseesegler hat sich ganz aktuell auch dem Foilen zugewandt: „Die Entwicklung ist ein Quantensprung in der Leistung, ein Riesenimpuls für den Segelsport. Mir steht der Sinn nach Foils“, sagt der 34-Jährige, der in dieser Saison mit den GC32-Katamaranen segeln wird und mit einem Kite-Foiler auch am Speedrennen zur Kieler Woche auf den Kurs geht. „Gerade beim Kiten sind die Foils eine Riesenerleichterung. Man drückt nicht mehr das Board durch die Wellen, sondern kommt schon bei minimalem Wind auf die Foils. Dadurch kann man mit kleineren Schirmen fahren, hat weniger Lasten auf den Leinen. Es ist ein schwereloses, fast geräuschloses Dahingleiten“, schwärmt der Weltumsegler. Als Massenmarkt für den Fahrtensegler sieht er die Foils zwar noch nicht, aber gerade im Bereich des „Freizeit-Spielzeugs“ werde die Technologie ihre Freunde finden. Und Boris Herrmann sieht noch andere Aspekte: „Kleine Motorboote auf Foils sind sicherlich interessant, und da ist es wirklich für jedermann geeignet.“





